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Die Arbeit der Autorin an diesem Buch wurde mit dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium des Deutschen Literaturfonds sowie mit dem Mira-Lobe-Stipendium für Kinder- und Jugenditeratur gefördert.

Ausgezeichnet mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis des Landes Steiermark für Manuskripte | Hauptpreis 2016

Elisabeth Etz, geb. 1979 in Wien, verbrachte ihre Zeit u. a. in Berlin und Istanbul. Heute lebt sie mit ihrer Familie wieder in Wien und arbeitet für den Diakonie Flüchtlingsdienst.

Für ihre Jugendbücher wurde sie bereits mit mehreren Preise und Stipendien ausgezeichnet. Im Tyrolia-Verlag ist von ihr zuletzt der Jugendroman »Nach vorn« (2018) erschienen.

2019

© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: Nele Steinborn

unter Verwendung einer Fotografie von 123RF.com

Satz- und Layoutgestaltung: Nele Steinborn, Wien

Schriften: Neue Swift Pro, Henriette, Heading Pro, Antiphon

Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien

ISBN 978-3-7022-3803-2 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3804-9 (E-Book)

E-Mail: buchverlag@tyrolia.at

Internet: www.tyrolia-verlag.at

Facebook: Tyrolia Verlag Kinderbuch

Gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien, Literatur

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Elisabeth Etz

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für Almuth, Amira und Maggie,
bei denen ich immer ein Dach
über dem Kopf hatte

Allen, die im Winter auf die Idee kommen abzuhauen, sage ich gleich: Lasst es bleiben. Es ist eine Schnapsidee. Sowas macht man, wenn es warm ist. Wenn überhaupt.

Leider kann man sich das aber nicht aussuchen. Ist schließlich nicht so, dass man das will. Man muss. Manchmal muss man einfach.

Inhalt

OKTOBER

Schützenweg

Sternwartestraße

Schützenweg

Sternwartestraße

Westbahnhof

Tannengasse

Laaerbergstraße

Tannengasse

Laaerbergstraße

Tannengasse

Franklinstraße

Äußere Mariahilfer Straße

Schützenweg

In der Krim

Laaerbergstraße

Filmteichstraße

Kalvarienberggasse

Flughafen

Sverigestraße

Dietrichgasse

Franzosengraben

Dietrichgasse

Schützenweg

NOVEMBER

Laaerbergstraße

Dietrichgasse

Filmteichstraße

Laaerbergstraße

Währinger Straße

Ringstraße

Karlsplatz/Argentinierstraße

Wiedner Gürtel

Laaerbergstraße

Venediger Au

Schützenweg

Venediger Au

Laaerbergstraße

Fliederweg

Laaerbergstraße

Fliederweg

Laaerbergstraße

Europaplatz

Linzer Straße

Schützenweg

Linzer Straße

Schützenweg

Linzer Straße

Laaerbergstraße

DEZEMBER

Linzer Straße

52

Laaerbergstraße

Schützenweg

Myrthengasse

Schützenweg

Wohnpark Alt Erlaa

Laaerbergstraße

Europaplatz

U6

Vivenotgasse

U6

Europaplatz

Wohnpark Alt Erlaa

Laaerbergstraße

Wohnpark Alt-Erlaa

Schützenweg

Wohnpark Alt-Erlaa

Bahnhof Meidling

Sternwartestraße

Wilhelminenberg

46B

Krongasse

Lehargasse

Krongasse

Laaerbergstraße

Schützenweg

Sternwartestraße

Krongasse

Schützenweg

Krongasse

Schützenweg

Am Hauptbahnhof

Krongasse

Rotenturmstraße

Rudolfsplatz

JÄNNER

Opernring

U1

Stadlauer Straße

Pappenheimgasse

Schützenweg

Pappenheimgasse

Klosterneuburger Straße

Pappenheimgasse

Laaerbergstraße

Urban-Loritz-Platz

Europaplatz

Stumpergasse

Europaplatz

Laaerbergstraße

Goldeggasse

Schützenweg

Goldeggasse

Laaerbergstraße

Gasometer

Laaerbergstraße

Urban-Loritz-Platz

Halbgasse

Laaerbergstraße

Urban-Loritz-Platz 309

Halbgasse

Laaerbergstraße

Tivoligasse

Columbusplatz

Schützenweg

Laaerbergstraße

Schlosspark Schönbrunn

Altmannsdorfer Straße

Laaerberggasse

Schlosspark Schönbrunn

Schönbrunnerstraße

Schlosspark Schönbrunn

Sverigestraße

24A

Laaerbergstraße

Mariahilfer Straße

Schlosspark Schönbrunn

Wilhelmstraße

Tannengasse

Schlosspark Schönbrunn

10A

Florianigasse

Stumpergasse

Am Hauptbahnhof

Schützenweg

Laaerbergstraße

Wattgasse

Europaplatz

Stumpergasse

Am Hauptbahnhof

Laaerbergstraße

Urban-Loritz-Platz

Stumpergasse

Myrthengasse

Wilhelminenberg

Wienzeile

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Schützenweg

»Nein.«

»Was heißt ›nein‹? Ich hab schon alles ausgefüllt.«

Mart rührt sich nicht. Ich schiebe ihm die Formulare näher heran.

»Fehlt nur noch die Unterschrift«, sage ich nachdrücklich.

Mart sieht mich schweigend an. »Welche Unterschrift?«, fragt er schließlich.

»Deine. Hier. Und hier.« Ich zeige auf die freien Felder.

Mart schüttelt den Kopf. »Es gibt keine Unterschrift.«

Er sieht mich mit schmalen Augen an. »Was glaubst du, was das kostet?«

»Ich zahl mir das selber«, sage ich mit fester Stimme. »Ich brauch nur die Unterschrift.«

»Ha, selber. Und mit welchem Geld, wenn ich fragen darf?«

»Ich hab im Sommer gearbeitet.«

»Als Drogendealer?« Mart dreht mir den Rücken zu und geht aus dem Raum.

Meine Mutter lehnt im Türstock und sieht uns zu.

Ich weiß, dass ein Austauschjahr in Australien nicht billig ist. Auch wenn es sich um kein Jahr handelt, sondern nur um ein oder zwei Terms. Mit Flug und Unterkunft in einer Gastfamilie kommen da schon einige Tausend Euro zusammen.

Aber zuerst brauche ich die Unterschrift eines Erziehungsberechtigten. Weil Mart mich adoptiert hat, als ich noch zu klein war, um etwas dagegen zu sagen, ist er das. Wenn er unterschrieben hat, lässt er sich beim Geld sicher auch umstimmen. Ist ja nicht so, dass er keins hat. Außerdem gibt es Stipendien, für die ich mich vielleicht bewerben könnte. Gut genug in der Schule wäre ich, und das außerschulische Engagement, das die da verlangen, kann ich ja zumindest mal behaupten.

Flehend sehe ich meine Mutter an. Die könnte schließlich auch unterschreiben.

Sie seufzt demonstrativ. »Mart weiß schon, was er tut. Glaub mir.«

»Mart will mich nur hierhalten, damit er jemanden kontrollieren kann«, fauche ich. »Dabei hat er doch dich.«

»Jetzt reicht’s aber!« Wenn meine Mutter wütend ist, bekommt ihr Hals lauter rote Flecken.

»Ja, mir reicht’s«, schreie ich. »Ich halt es hier nicht mehr aus! Ich geh zu meinem Vater!«

Verdammt, wo kam das jetzt her?

Mart steht wieder im Zimmer. »Wegen einer Unterschrift brauchst du den Herrn aber nicht zu fragen. Erziehungsberechtigt ist der schon lange nicht mehr.«

»Mir scheißegal«, brülle ich. »Ich zieh zu ihm.«

Mart verschränkt die Arme vor der Brust. »Das schau ich mir an.«

Meine Mutter sagt nichts mehr. Sie starrt mich nur an.

»Ihr werdet schon sehen«, fauche ich.

»Wirst viel eher du sehen«, sagt Mart spitz. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass du nach all den Jahren dort einfach so vorbeispazieren kannst?«

Ich muss hier raus. Schnell.

Mart geht sogar zur Seite, als ich mich durch den Türrahmen dränge.

»Sag ihm schöne Grüße von mir«, ruft er mir hinterher. Dann lacht er, kurz und hart.

Was jetzt? Die letzten Monate habe ich durchgehalten, weil ich Australien vor Augen hatte. Für den 2. und den 3. Term hätte ich mich auch jetzt im Oktober noch anmelden können. Mit der Aussicht auf zwei Trimester ohne Mart habe ich es ausgehalten, nicht blöd zurückzureden, sondern einfach nur zu nicken oder den Raum zu verlassen, wenn er zu sehr nervte. Weil ich mir naiverweise eingeredet hatte, er würde irgendwann doch unterschreiben. Auch wenn es im Nachhinein betrachtet nie ernsthaft danach ausgesehen hat.

Mit Lukas habe ich mich oft darüber unterhalten, wie es wäre, einfach wegzufahren. Lange hab ich gedacht, wir könnten das machen. Ich könnte das machen. So wie Henrik, den wir jetzt blöderweise in der Klasse haben.

Ein Jahr nach England. Oder Kanada. Oder Australien.

Als ich letztes Jahr Mart mit der Idee kam, dass ich ein Jahr im Ausland verbringen wollte, hätte ich gleich wissen können, dass das nie etwas wird. »Wer soll das bitte finanzieren?«, fragte er mich streng.

»Äh …«

Er sah mich mit spöttischem Grinsen an. »Ich, meinst du?«

Ich nickte vorsichtig.

Da explodierte er. »Glaubst du, mein Geld kommt einfach so von nichts?«

Er zeigte mit ausgestrecktem Arm in alle Richtungen. »Was glaubst du, woher das kommt? Das ist harte Arbeit. Lern du erst mal für dein Geld zu arbeiten, dann kannst du fahren, wohin du willst.«

Ich wusste, dass so ein Auslandsjahr Geld kostete, ich war ja nicht blöd. Aber so, wie ich es verstand, hatten wir Geld. Besser gesagt, hatte Mart Geld. Er gab es auch für mich aus. Bloß nicht unbedingt für das, was ich wollte.

Schon in der Volksschule wäre ich lieber mit den andern Kindern in den Hort gegangen, als von meinem jeweiligen Au-pair von der Schule abgeholt zu werden. Klar, nett waren die alle. Aber sie waren nur ein schlechter Ersatz für Freunde, die sich zum Fangenspielen trafen, gemeinsam an fremden Türglocken klingelten oder sich Süßigkeiten aus dem Automaten zogen.

Beneidet hatte ich sie immer, die Hortkinder mit ihren zerrissenen Ärmeln und dreckigen Hosen. Ich dagegen war schrecklich wohlerzogen. Der kleine blasse Junge mit der Geige und dem britischen Akzent, wenn er McDonald’s sagte oder Slackline oder Shopping Center. Zum Kotzen. So wohlerzogen, dass ich gar nicht in den Spiegel schauen wollte.

Die Hortkinder hatten in Wahrheit gar keine zerrissenen Ärmel oder dreckigen Hosen. Eigentlich sahen sie genauso aus wie ich und wahrscheinlich erlebten sie gar nicht jeden Nachmittag die aufregendsten Abenteuer. Wahrscheinlich saßen sie genauso wie ich vor dem Computer und spielten Moorhuhn. Trotzdem beneidete ich sie. Sie hatten einander. Ich hatte einen schönen britischen Akzent, an den ich mich abends beim Einschlafen kuscheln konnte.

»Außerdem machen die nicht den gleichen Stoff wie bei uns«, war das nächste Argument. »Du wirst das Jahr wiederholen müssen. Das kommt nicht in Frage.«

»Wenn ich mich anstrenge, kann ich den Stoff ja nachlernen.«

Mart lachte spöttisch auf. »Sicher. Wahrscheinlich wirst du sogar gleich ein Jahr überspringen.«

»Du sagst doch selbst immer, dass ich intelligent bin«, wandte ich ein. »Dann kann ich das doch schaffen.«

»Daran zweifle ich auch nicht. Aber ich zweifle daran, dass du deine Faulheit überwindest und es auch tatsächlich tust.« Seine Stimme wurde freundlicher. »Jakob, ich verstehe, dass das im Moment interessant klingt. Aber in deinem Alter hat man nur den Augenblick im Kopf, nicht das große Ganze. Ich war auch einmal jung, ich weiß, wovon ich rede. Wäre damals mein Vater nicht gewesen, der mir meine Flausen ordentlich ausgetrieben hatte, dann würde ich nicht dort stehen, wo ich jetzt bin. Und ihr auch nicht.«

Ich war verdammt froh, dass Marts Vater gestorben war, bevor wir ihn kennenlernen konnten. So wie ihn Mart beschrieb, war er wohl kein angenehmer Zeitgenosse.

»Auslandserfahrung, das ist doch, auf was es ankommt«, versuchte ich, Mart doch noch zu überzeugen.

Mart blieb hart. »Die kriegst du noch früh genug. In jedem Studium gibt es Austauschprogramme. Dann kannst du hingehen, wohin du willst.«

»Aber ich will jetzt weg«, rief ich verzweifelt, obwohl ich wusste, dass das bei Mart am wenigsten zog. »Verstehst du? Jetzt! Nicht irgendwann später, wenn ich studiere.«

Dass ich gar keine Lust hatte, auf die Uni zu gehen, brauchte ich ihm ja nicht zu erzählen.

Mart schüttelte nur den Kopf.

»Und Fremdsprachen …« Diesmal wollte ich nicht lockerlassen.

Mart verzog die Mundwinkel. »Mit deinem Englisch stellst du sowieso alle Kollegen in den Schatten.«

Er wusste, dass ich wusste, dass er recht hatte. Nachdem wir bei Mart eingezogen waren, um Ärztegattin und Stiefsohn zu spielen, war das erste, was er tat, seine alte Sprechstundenhilfe rauszuschmeißen und stattdessen meine Mutter einzustellen. Das zweite war, ein Au-pair zu uns zu holen, das sich um mich kümmern sollte. Jedes Jahr eine andere. An die erste kann ich mich nicht erinnern, sie hieß angeblich Natalia und kam aus Weißrussland. Meine Mutter sagt, ich war verrückt nach ihr. Wird schon so gewesen sein.

Nach Natalia aber hat Mart beschlossen, dass es Zeit war, etwas für meine Bildung zu tun. Weißrussisch erschien ihm nicht so wichtig, also kam Lindsay und sprach Englisch mit mir. Danach gaben sich Donna-Marie, Joy und Kendra die Klinke in die Hand. Nett waren sie alle und zu sagen hatten sie alle nichts. Ich wollte immer, dass die blieb, die gerade da war. Aber alle wollten sie nach einem Jahr wieder weg. Konnte ich auch gut verstehen.

Kendra war sogar mehr als nett. Sie hat dazu beigetragen, dass mein Akzent zu einem schottischen wurde. Danach habe ich mich erfolgreich dagegen gewehrt, ein neues Au-pair zu bekommen. Ich war alt genug, um alleine auf mich aufzupassen. Kendra war die Coolste von allen. Aber sie hat sich nie wieder bei mir gemeldet.

»Es gibt auch Plätze in China«, schwindelte ich, ohne zu wissen, warum. »Stell dir meine Chancen vor, wenn ich Chinesisch könnte. Aufstrebende Wirtschaftsmacht und so.«

»Es gibt auch chinesische Au-pairs«, sagte er trocken. »Willst du eins?« Er tat so, als ob er überlegte. »Ich glaube, du bist schon ein bisschen zu alt für so was. Aber ich kann gleich mal im Konfuzius-Institut anrufen, die machen sicher auch Jugendkurse.«

Scheiße, nicht dass ich ihn jetzt auf eine Idee gebracht hatte.

Er legte mir die Hand auf die Schulter und seine Stimme wurde wieder weich. »Ach Jakob, ich weiß, in deinem Alter sind Freunde sehr wichtig. Aber du musst doch wirklich nicht immer alles machen, was die anderen tun.«

»Das hat damit doch gar nichts zu tun«, presste ich zwischen den Zähnen hervor. Ja, Henrik aus der Klasse über uns hatte mich und Lukas damals auf die Idee gebracht. Aber Henrik war wirklich nicht das, was man als Freund bezeichnen würde.

Doch es war sinnlos. Ich hätte genauso gut gegen eine Wand sprechen können. Nein, eine Wand konnte mich niemals so wütend machen wie Mart. Ich hasste es, wenn er so tat, als wäre ich ein kleiner, verwirrter Teenager.

Ich wollte einfach weg. Sonst nichts.

»Mach dir nichts draus, ich bin auch nicht gefahren«, versucht Lukas, mich zu trösten.

»Das ist nicht dasselbe. Du wolltest gar nicht richtig.«

»Wollte ich schon«, beharrt Lukas. Aber er weiß, dass ich recht habe. Er wollte nur ›irgendwie‹ weg. Seit seine ältere Schwester ausgezogen ist, hat er doppelt so viel Platz zuhause und findet es gut dort. Ich dagegen wollte wirklich weg. Wirklich wie in wirklich wirklich. Was, wenn ich wirklich zu meinem Vater fahre?

Ich lache bitter auf. Haha, witzig. Nächster Vorschlag.

Warum aber eigentlich nicht? Zurück zu Mart und meiner Mutter gehe ich sicher nicht mehr.

Schließlich hat er mich gezeugt. Das verpflichtet doch zu etwas, oder nicht?

Sternwartestraße

Mein Vater wohnt in der Stadt. Ich weiß seine Adresse auswendig, weil die auf den Weihnachtspaketen steht, wovon jedes Jahr eines kommt. Besuchen war ich ihn auch mal. Vor zehn Jahren. Als er noch keine neue Familie hatte.

Vater ist eigentlich keine passende Bezeichnung für den letzten Menschen, den interessiert, was ich mache.

Wenn ich das Wort mehrmals hintereinander ausspreche, ergibt es überhaupt keinen Sinn mehr. Vatervatervater. Könnte Vase heißen oder Vatikan oder überhaupt nichts.

Aber das geht einem wohl bei allen Wörtern so.

Wieso fahre ich also ausgerechnet zu ihm?

Es gibt Menschen, die würden jetzt etwas von Schicksal faseln und davon, dass es unergründliche Kräfte gibt, die uns dorthin lenken, wo jemand auf uns wartet.

Mein Vater hat bestimmt nicht auf mich gewartet. Er hat mir die Tür nicht deshalb geöffnet, weil er sie öffnen wollte. Er hat mich reingelassen, weil er nicht wusste, was sonst tun.

Was macht man auch, wenn der eigene Sohn plötzlich an der Haustür klingelt?

Als ich außer Atem im dritten Stock ankomme, steht er in der Tür. »Jakob! Was führt dich hierher?«

»Hallo«, murmle ich.

Er macht keine Anstalten, mich hereinzubitten. »Kann ich dir irgendwie helfen?«

»Hast du Besuch oder so? Störe ich?«

»Ah … nein.« Er macht einen Schritt zurück und ich trete ins Vorzimmer. Der Parkettboden knarrt. Es ist ruhig in der Wohnung, Gudrun und die Kinder sind anscheinend nicht da. Wir stehen uns schweigend gegenüber. Eigentlich wäre ich dran mit Erklären, aber mir fällt nichts ein. Seine Haare sind etwas länger und er hat eine neue Brille. Vielleicht aber auch nicht.

»Kann ich heute bei dir schlafen?«

Wahrscheinlich wäre es geschickter gewesen, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Aber bis vor zehn Minuten habe ich selber noch keine Ahnung gehabt, was ich hier wollte.

»Hast du den Bus verpasst?« Er sieht auf die Uhr. »Du hast den Bus verpasst.«

Ich nicke. So kann man es auch sehen.

Mein Vater runzelt die Stirn und seufzt. Ich kann die Gedanken hinter seiner Stirn lesen. ›Da ist ein Fremder in deiner Wohnung‹, denkt es da. ›Du möchtest ihn am liebsten rausschmeißen. Aber er ist dein Sohn. Söhne schmeißt man nicht raus.‹

Er sieht noch einmal auf die Uhr und überlegt. »Wenn wir schnell sind, könnte ich dich vielleicht noch nachhause fahren.«

»Das wäre toll«, lüge ich, »aber es würde nichts bringen. Ich hab nämlich meinen Schlüssel verloren. Und Mum und Mart kommen erst morgen früh wieder.«

Mein Vater seufzt noch mal. »Pass ein bisschen besser auf deine Sachen auf.«

»Ich glaub, den hat mir wer geklaut«, sage ich schnell. »Als ich aus der U-Bahn ausgestiegen bin, war meine Tasche offen.«

»Aber sonst ist noch alles da?«, fragt mein Vater besorgt.

Ich stelle meine Umhängetasche auf den Boden. »Ich glaube schon.« Es kommt mir blöd vor, einfach so herumzustehen, also beginne ich, in der Tasche herumzukramen. »Ja, alles da«, sage ich. »Nur der Schlüssel fehlt. Vielleicht ist er mir doch herausgefallen.«

»Ich glaube nicht, dass das für deine Mutter in Ordnung ist, wenn du hier schläfst.«

Es gibt wohl nichts, womit er mehr recht hat. Dass ich irgendwann mal meinem Vater verzeihe, muss sich für sie wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen. Aber sie hat mich schließlich auch nicht gefragt, wie es sich angefühlt hat, stattdessen Mart vorgesetzt zu bekommen. Und mit Verzeihen hat das hier nichts zu tun. Ich finde, wenn er mich als Kind auf die Straße gesetzt hat, hat er die Verpflichtung, das wieder gutzumachen, indem er mich jetzt bei sich schlafen lässt. Nicht, dass ich mich an damals wirklich erinnern kann.

»Muss sie ja nicht wissen«, werfe ich also ein. »Aber wenn es so ein großes Problem ist … ich find schon was.« Ich hänge mir meine Tasche wieder über die Schulter und mache einen Schritt Richtung Tür. Aber mein Vater ist schneller. Er legt die Hand auf die Türklinke, noch bevor ich danach greifen kann.

»Jakob, das hast du völlig falsch verstanden«, sagt er schnell. »Du bist immer willkommen hier, das weißt du.«

Ich ziehe mir meine Jacke aus und sehe ihn fragend an. Er nickt und deutet auf den Garderobenständer. »Willst du was trinken?«

»M-hm.«

»Mineralwasser, Apfelsaft, Bier … äh, nein kein Bier für dich, also Mineralwasser oder Apfelsaft?«

»Egal.« Ich setze mich an den Küchentisch. Er stellt ein Glas Saft vor mich hin und setzt sich mir mit einer Flasche Bier gegenüber.

»Gudrun ist nicht da?«, frage ich.

»Die ist mit den Kleinen zu ihrer Mutter gefahren. Kommt erst am Sonntag wieder.«

»Ah.«

Er nimmt einen Schluck Bier.

»Ich hab mir das Rauchen abgewöhnt«, sagt er.

Ich nicke und verziehe die Mundwinkel nach oben. »Toll.«

Er deutet auf den Kugelschreiber, den er in der Hand hin und her dreht. »Deshalb muss ich ständig damit herumspielen.«

»Oh.«

Wir sind nicht dafür geschaffen, miteinander zu kommunizieren. Einige Minuten lang sagen wir gar nichts und halten uns an unseren Getränken fest. Ich wundere mich, dass ich so gar keine Gefühle für ihn habe. Weder bin ich sauer auf ihn noch wütend oder traurig. Es ist, als wäre das alles ausgeschaltet, wenn es um meinen Vater geht. Ich habe auch kein sonderliches Bedürfnis, ihn besser kennenzulernen. Ich will nur ein Dach über dem Kopf und im Moment fällt mir nur er ein.

Plötzlich steht er auf. »Du, ich muss jetzt weg, ich bin mit Freunden verabredet. Du kommst allein zurecht, oder?«

»Ja, klar.« Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich das gerade ausgedacht hat, weil ihm die Situation unangenehm ist. Aber es ist mir egal. Ich bin auch nicht gerade heiß auf eine Unterhaltung mit ihm. Er holt Bettzeug aus dem Schrank und wirft es auf das Sofa. »Du kennst die Wohnung.« Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Ich nicke, obwohl ich mich nicht mehr richtig erinnern kann. »Danke.«

Er lächelt gequält. »Mein Haus ist dein Haus.«

Dann ist er weg.

Ich bin froh darüber, alleine zu sein. Stelle mein leeres Saftglas in die Spüle und hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Dann wandere ich durch die Zimmer und streiche über die Einrichtungsgegenstände. Alles hier sieht teuer aus. Teuer, aber geschmackvoll. Die Küchenzeile mit den Steinplatten. Der dunkle Esstisch mit den verschnörkelten Beinen. Das Ledersofa im marokkanischen Eck, in dem alles aus Marokko ist oder zumindest so aussieht. Die Bilder an der Wand. Das ökologisch korrekte Holzspielzeug für die Kleinen.

Was zum Teufel mache ich hier? Es wäre so leicht, einfach zu Lukas zu gehen oder noch ein paar Runden zu laufen, bis ich mich wieder beruhigt habe.

Aber etwas ist anders.

Ich gehe nicht mehr zurück.

Dabei war der Streit diesmal gar nicht so besonders schlimm. Nicht schlimmer als sonst. Es gibt Menschen, die würden sagen, es war der Vollmond. Oder der Schütze, der gerade das Haus des Wassermannes durchquert hat. Man könnte auch dem Klimawandel die Schuld geben. Oder Feinstaub, Gluten und Laktose.

Als ich am nächsten Tag aufwache, steht mein Vater mit einer Tasse Kaffee in der Hand am Fenster. Sobald er hört, dass ich mich bewege, dreht er sich zu mir um.

»Guten Morgen.«

»Morgn«, nuschle ich.

»Hätte ich dich aufwecken sollen?«, fragt er unsicher. »Ich wusste nicht, ob du samstags Schule hast.«

Ich schüttle den Kopf und reibe mir die Augen.

»Gut geschlafen?«

»Mhm.«

»Soll ich dir einen Kaffee machen? Oder Tee? Oder …«, er zögert, »Kakao?«

»Danke, geht schon«, murmle ich.

Ich will nicht aufstehen, denn sobald ich aufstehe, muss ich irgendetwas tun. Aber was, weiß ich nicht. Meinem Vater geht es vermutlich genauso.

»Vielleicht doch Kaffee?«, sage ich also.

Mein Vater nickt, sichtlich erleichtert, und macht sich an der Espressomaschine zu schaffen.

Weil er so ungewöhnlich freundlich ist, nehme ich all meinen Mut zusammen. Mein Herz klopft so stark, dass mir fast die Luft wegbleibt.

»Sag mal, könnte ich vielleicht eine Zeit lang bei dir wohnen?«, stoße ich schnell heraus.

Mein Vater sieht erschrocken aus. »Hier, meinst du? Bei uns?«

Ich nicke vorsichtig.

»Äh …«

»Es geht zuhause nicht mehr«, bringe ich gerade noch heraus. »Ich kann nicht mehr.«

»Du kannst nicht mehr«, wiederholt er abwesend. »Und du denkst, bei uns kannst du?«

Ich zucke die Achseln. »Du willst mich nicht.«

Er lächelt verkrampft. »Jakob, das hat nichts mit Wollen zu tun. Natürlich kannst du hier ein paar Tage übernachten. Mein Haus ist dein Haus.«

Ich verziehe mein Gesicht zu einem Grinsen, das wahrscheinlich ebenso gequält wirkt wie seines.

»Aber am Montag kommt Gudrun zurück und was glaubst du, was dann hier los ist, wenn die Kleinen hier herumturnen?«

Ich presse die Lippen aufeinander. Die Kleinen. Meine Geschwister. Irgendwie.

»Schau mal, bis morgen Abend kannst du hierbleiben. Dann hat sich sicher zuhause alles wieder beruhigt.« Er lächelt bemüht. »Ich weiß, es ist nicht leicht als Teenager. Aber das ist es woanders auch nicht. Glaub mir.«

Er steht auf und stellt seine Tasse in die Abwasch. »Ich muss in die Arbeit.«

»Am Samstag?«

»Man kann sich’s leider nicht aussuchen.« Er legt einen Schlüssel vor mich auf den Esstisch.

»Den kannst du bis morgen haben. Und nimm dir einfach aus dem Kühlschrank, was du willst. Weiß nicht, ob was für dich drin ist, aber wenn ja, bedien dich.«

Mein Haus ist dein Haus. Ein paar Tage lang.

Der Inhalt des Kühlschranks passt zum Interieur der Wohnung. Bewusste Ernährung. Teuer, aber mit echtem Wert. Kaum Produkte aus dem Supermarkt, Antipasti vom Italiener, Kürbiskernöl vom Bauern, Fair-Trade-Orangendirektsaft statt Konzentrat.

Ich kann verstehen, warum sie mich nicht wollen.

Dann eben nicht. Ich dränge mich sicher nicht auf.

Eine halbe Stunde nach meinem Vater verlasse ich die Wohnung, schmeiße die Tür hinter mir zu und den Schlüssel in den Briefkasten. Auf dem Esstisch habe ich einen Zettel hinterlassen:

Dich brauch ich eh nicht.

Nicht, dass ich wieder nachhause will. Aber wohin sonst, weiß ich auch nicht.

Mart und meine Mutter wohnen in einem Vorort außerhalb der Stadt. Inmitten von Einfamilienhäusern mit kleinen und mittleren Gärten. Die Straßen haben Namen wie Fliedergasse oder Rosenweg und jede halbe Stunde geht ein Bus in die Stadt. Am Wochenende nur einmal die Stunde.

Als ich um die Ecke zur Busstation biege, sehe ich gerade noch die Bremslichter, dann biegt der Bus um die Ecke. Muss ich also eine Stunde warten. Als wüsste die Buslinie, dass ich da eigentlich gar nicht hinwill.

Schützenweg

»Na, reumütig zurück?«, fragt Mart laut.

Ohne zu antworten, ziehe ich meine Schuhe aus und hänge die Jacke an den Garderobenhaken.

Meine Mutter kommt ins Vorzimmer.

»Schau mal, der Herr Sohn«, sagt Mart mit näselnder Stimme zu ihr. Dann wendet er sich wieder mir zu. »Ist es beim Herrn Vater doch nicht so toll gelaufen? Hat sich der Herr Sohn da ein bisschen verkalkuliert?«

Ich werfe ihm einen bösen Blick zu.

»Sprechen verlernt?«, spottet Mart. »Ich sage jetzt nicht, dass ich das gleich gewusst habe.«

»Hast du aber falsch gewusst«, fahre ich ihn an.

Mart grinst. »Ach, wo ist denn die dicke Geldtasche?«

Niemand kann mich so aufregen wie Mart, wenn er von Geld anfängt. Außer meine Mutter, wenn sie danebensteht und nichts sagt. Nichts. Gar nichts.

»Es gibt auch noch anderes im Leben als dicke Geldtaschen«, sage ich wütend.

»Mag sein«, meint Mart. »Aber wenn man von zuhause wegwill, sind sie manchmal unerlässlich.«

»Glaubst du.«

»Das glaube ich nicht, das weiß ich«, sagt Mart selbstzufrieden. »Und du bist auch gerade auf dem Weg, es herauszufinden.«

Ich ignoriere ihn und gehe die Stufen zu meinem Zimmer hinauf. »Hat er dich überhaupt noch erkannt?«, ruft er mir nach. »Wahrscheinlich weiß er gar nicht mal mehr, dass er einen Sohn hat.«

Statt einer Antwort knalle ich die Tür meines Zimmers hinter mir zu.

Gedämpft höre ich, wie meine Mutter etwas zu Mart sagt und er antwortet. Das einzige Wort, das ich verstehe, ist ›Scheißkerl‹. Ich bin mir nicht sicher, ob er damit mich meint oder meinen Vater.

Macht aber auch keinen Unterschied.

Mein Zimmer ist wie immer. Meine Mutter hat mir die saubere Wäsche aufs Bett gelegt. Der Computer läuft auf Standby. Der Baum vor dem Fenster verliert seine Blätter.

Was zum Teufel hab ich mir dabei gedacht, wieder zurückzukommen? Hab ich wirklich gedacht, dass es sich anders anfühlt, bloß weil ich eine Nacht weg war?

Wie in Trance hole ich meinen Tramperrucksack aus dem Schrank. Ziehe die Schubladen heraus. Beginne, wahllos Zeug einzupacken. Stopfe die Wäsche vom Bett hinein und schiebe meine Schulsachen irgendwo dazwischen. Hefte, Bücher, Geodreieck, Unterhosen, T-Shirts. Zum Glück hat mein Rucksack genug Seitentaschen. Die Umhängetasche, die mir Lukas mal geschenkt hat, kommt auch mit. Wer weiß, was ich alles brauche. Aus dem Badezimmer hole ich meine Zahnbürste.

Ich versuche, im Kopf durchzugehen, was ich noch benötige, kann mich aber nicht konzentrieren. Vielleicht habe ich das Wichtigste vergessen, bestimmt sogar. Wahrscheinlich muss ich noch mal zurück. Egal. Erst einmal gehe ich. Aber richtig.

Als ich voll bepackt die Stiegen hinuntersteige, sind meine Mutter und Mart nicht mehr im Vorzimmer. Ich bemühe mich, viel Lärm zu machen, huste, schlage mit dem Rucksack gegen das Geländer. Sie sollen sehen, wie ich gehe. Diese Genugtuung will ich haben.

Mein Gepolter holt meine Mutter tatsächlich wieder ins Vorzimmer. Sie sieht mich erschrocken an, sagt aber kein Wort. Damit hat sie nicht gerechnet.

»Ich hab nur meine Sachen geholt«, sage ich und versuche, ruhig zu bleiben. »Kann sein, dass ich noch mal zurückkomme, wenn ich was vergessen habe.«

Meine Mutter starrt mich an. ›Sprechen verlernt?‹, denke ich.

»Wo willst du hin?«, flüstert sie schließlich.

Betont langsam binde ich mir die Schuhe zu. »Ich hab euch doch gesagt, dass ich zu meinem Vater ziehe.«

Dort kann ich gar nicht mehr hin. Aber die Worte sind raus, bevor ich überlegen kann. Und es tut gut, sie meiner Mutter an den Kopf zu werfen.

Meine Mutter atmet hörbar ein. Man sieht ihr an, dass sie damit nicht gerechnet hat.

Ich schlüpfe in meine Jacke. »Wenn ihr mir das nicht glaubt, kann ich wirklich nichts dafür.«

Sie schüttelt den Kopf. »Jakob, bitte«, sagt sie.

»Bitte was?«, frage ich unfreundlich.

»Bleib doch da«, sagt sie hilflos.

Mart taucht hinter ihr auf. »Lass ihn«, sagt er süffisant. »Lass den jungen Herrn doch seine eigenen Erfahrungen machen.«

Meine Mutter sieht mich flehend an. Ich drehe den beiden den Rücken zu.

Als ich aus dem Haus trete, schwanke ich. Der Rucksack ist nicht besonders gut gepackt, das gesamte Gewicht hängt auf einer Seite. Egal. Ich bin draußen.

Der Kies knirscht unter meinen Füßen, als ich zum Gartentor gehe. Das Scharnier quietscht, als ich das Tor öffne und schließe. Ich spüre, dass meine Mutter noch immer in der Tür steht und mir nachsieht. Diesen Augenblick habe ich in meiner Fantasie schon oft durchgespielt. Ich gehe und sie muss mir dabei zuschauen.

Ohne mich umzudrehen, gehe ich die Straße hinunter.

Scheiße. Mein Vater ist der Letzte, zu dem ich jetzt will. Schnell gehe ich im Kopf Alternativen durch, aber so viele sind da nicht. Ich könnte versuchen, zumindest heute Nacht bei Lukas unterzukommen. Aber der wohnt nur ein paar Straßen weiter. Das ist nicht weit genug weg.

Sternwartestraße

Vor den Augen meiner Mutter das Haus zu verlassen, war eine Sache. Vor den Augen meines Vaters wieder anzutanzen, eine andere.

Ich wünschte, ich hätte einen anderen Ort, wo ich hingehen könnte. Oder dass ich zumindest die verdammte Nachricht nicht hinterlassen und den Schlüssel nicht in den Postkasten geworfen hätte. Jetzt stehe ich so blöd da, wie man es sich nur vorstellen kann. Es ist erniedrigend, noch einmal an derselben Tür zu klingeln.

Macht eh keiner auf. Na toll. Ich stehe in der Kälte und sehe meinem Atem zu, wie er in der Luft Wölkchen bildet. Was nun?

Zu meinem Glück öffnet sich immerhin nach einigen Minuten die Haustür. Ein etwa Zehnjähriger mit Spongebobrucksack verlässt das Haus. Er sieht mich seltsam an, als ich mit all meinem Gepäck das Haus betrete, bevor die Tür wieder zufällt. Aber entweder er traut sich nicht oder es ist ihm egal, denn er sagt nichts, sondern läuft eilig die Straße hinunter.

Im Haus wäre ich also. Missmutig sehe ich den Postkasten an. Da drinnen ist, was ich brauche. Nur ein paar Zentimeter von mir entfernt und doch unerreichbar. Ich leuchte mit dem Lämpchen, das sich an meinem eigenen Schlüsselbund befindet, durch die Öffnung im Blech und spähe hinein.

Das, was da so glänzt, muss der Schlüssel sein.

Ein echter Held hätte jetzt einen Draht dabei und würde den Schlüssel geschickt durch den Schlitz ziehen. Sollte ich vielleicht in meinem Rucksack nachsehen, ob ich einen finde? Blödsinn. Ich führe für gewöhnlich keine Drähte mit mir. Nachdem mir aber nichts anderes einfällt, beginne ich, meine Sachen zu durchsuchen. Wenn jetzt bloß keiner kommt.

Kommt aber jemand. Genau in solchen Momenten kommt immer jemand. Ich höre, wie die Haustür von außen aufgesperrt wird. Fuck. Wie erkläre ich jetzt, warum ich hier inmitten meiner Sachen am Boden sitze?

Das Spongebobkind von vorhin kommt mir entgegen und starrt mich entgeistert an.

»Hallo«, sage ich, bekomme aber keine Antwort. Vorsichtig geht es an mir vorbei, so als könnte ich es jeden Moment anspringen. Vielleicht sollte ich das tun. Dem Kind den Mund zuhalten und es mit vorgehaltener Pistole zwingen, mir seinen Briefkastenschlüssel auszuhändigen. Der dann zufälligerweise auch für meinen Postkasten passt.

Im Film geht das immer so einfach. In der Realität passt natürlich gar nichts und ich springe niemanden an, sondern warte, bis der Kleine an mir vorbei ist, und ich höre, wie er die Stufen hinaufläuft. Jetzt muss mir schnell etwas einfallen. Der petzt bestimmt und ich habe gleich ein besorgtes Elternteil vor mir stehen, das mich fragt, was ich hier mache.

Genervt stopfe ich meine Sachen wieder in meinen Rucksack zurück. Kein Draht weit und breit. Ich sehe noch einmal im Seitenfach nach. Saubere und gebrauchte Taschentücher, Gummiringe, Bleistiftstummel, Taschenmesser, Kaugummis …

Das Taschenmesser! Vielleicht kriege ich damit die Tür zum Postfach auf? Ist schließlich nur aus Blech. Ich bin echt ein Idiot. Wegen meiner großen Klappe muss ich jetzt einen Briefkasten aufbrechen, um in eine Wohnung zu gelangen, die mich nicht haben will.

Vandalismus war noch nie mein Ding, aber jetzt ist es einfach notwendig. Ich schiebe die Klinge in den Spalt der Postkastentür und beginne zu hebeln. Immer wieder unterbreche ich, um zu lauschen, ob jemand kommt. Zum Glück ist das nicht der Fall.

Schließlich steht der untere Teil des Türchens einen halben Zentimeter offen. Mit den Fingern komme ich da nicht rein. Ich ziehe die Pinzette aus dem Taschenmesser und stochere in den Spalt hinein. Mehrmals hole ich sie leer wieder hervor. Doch dann bekommt sie etwas Festes zu fassen. Vorsichtig drehe und ziehe ich so lange, bis ein Schlüsselring zu sehen ist, dem ein Schlüssel folgt.

Geschafft. Ich halte tatsächlich den Schlüssel zur Wohnung meines Vaters in den Händen. Meine Fingernägel sind eingerissen und mein Taschenmesser ist im Arsch. Ich fahre mit dem Finger die Klinge entlang, die nun mehrere Einbuchtungen hat. Egal. Ich habe den Schlüssel, das ist es, was zählt.

Als ich die Stiegen hinaufgehe, kommt mir ein älterer Herr entgegen. »Haben Sie diesen Lärm gehört?«, frage ich ihn. »Irgendwo waren da ganz komische Geräusche.«

Der Mann hält sich eine Hand wie einen Trichter ans Ohr. »Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden. Wenn Sie bitte wiederholen möchten …«

Ich lächle ihn an und schüttle den Kopf. »Nicht so wichtig«, schreie ich.

»Ach so.« Der Mann lächelt zurück. »Schönen Tag noch.«

Ich grüße zurück und mache, dass ich weiterkomme. Der Schlüssel sperrt genauso wie heute früh. Die Wohnung sieht auch noch so aus, wie ich sie verlassen habe. Auf dem Tisch liegt meine Nachricht. Erleichtert zerreiße ich den Zettel in kleine Schnipsel.

Noch zwei Tage, bis Gudrun kommt. Vorher muss ich hier weg. Also noch eine Nacht ein Dach über dem Kopf. Das ist nicht viel, aber es ist besser als nichts. Bis morgen muss mir schleunigst etwas einfallen.

Nachdem ich mir etwas zu Essen gemacht habe, setze ich mich aufs Sofa und suche das WLAN-Netzwerk. Der Code steht auf einem Zettel an der Pinnwand.

Ich weiß nicht genau, wonach ich suchen will, also tippe ich einfach wahllos Sätze in die Suchmaschine.

wo soll ich hin

Ein paar dramatische Youtube-Videos.

Wo soll ich hin / wenn ich nicht mehr bin / hat das alles einen Sinn / wo soll ich hin / wenn ich tot bin

Ich gehe weiter zum nächsten Eintrag.

Wo soll ich hin, während in mir Berge stürzen.

Rilke. Der hilft mir auch nicht weiter.

Das nächste.

Wo soll ich fliehen hin, weil ich beschweret bin mit vielen großen Sünden?

Ach, lasst mich doch in Ruhe.

Ich gehe die weiteren Suchergebnisse durch, die Google mir auflistet. Eines spannender als das andere. Ich schaue gar nicht genau hin.

Mein Haus ist dein Haus. Ha! Loswerden willst du mich. Ich störe hier doch nur.

Die Buchstaben von Google werden heute von bunten Tieren in die Luft gehoben. Google ist immer fröhlich.

mein haus ist dein haus du arsch, gebe ich ein.

mein haus ist dein haus.

Wieder überfliege ich die Suchergebnisse. Lauter sinnloses Zeug.

Doch an einem bleibe ich hängen.

IYH – It’s Your Home – find places to stay all around the world

Places to stay. Bingo. Das ist, wonach ich suche.

Do you love meeting people from other cultures? Do you love travelling? Do you love helping other people? Then this is the place for you to be!

Andere Kulturen sind mir im Moment ziemlich egal, trotzdem lese ich weiter.

Places to stay, denke ich.

Das sagen unsere Mitglieder, steht da. Jemand namens Cricket aus Taiwan schreibt:

IYH is an amazing network. It’s a place where people don’t just offer you a place to stay but also open their hearts.

Und dann:

1. Schritt: Account zulegen

2. Schritt: Profil vervollständigen

3. Schritt: Foto hochladen

4. Schritt: andere Mitglieder kontaktieren

Der Account geht schnell und unkompliziert. Aber: Wer bin ich? Ich kann schlecht als Jakob in meiner eigenen Stadt Urlaub machen. Die würden mich doch fragen, ob ich spinne.

Wer könnte ich also sein? Und woher?

Eine Stunde später habe ich ein vollständiges Profil von mir. Nickname: Jay. Jay wie J. J. Wie Jake oder John oder Jeremy. Jeremy ist gut. Mit Jeremy kann ich mich anfreunden. Jeremy also. Aus Glasgow. Über Google Maps kann ich mir sogar ein Haus aussuchen. Liberton Street, gleich neben der Carntyne Primary School. Hübsches Haus, hübscher Garten. Unser Nachbar mäht sicher gerade den Rasen.

Erste Frage: Warum ist Jeremy in Wien?

Urlaub, was sonst. Aber nicht so mit Hotel und Sightseeing und nach zwei Wochen wieder heim. Nein, Jeremy hat Größeres vor. Ist gerade mit der Schule fertig, hat ein bisschen gejobbt und will jetzt erst mal rumreisen. Hat in Hamburg Halt gemacht und danach in München. Jetzt sind ein paar Tage Wien dran und dann will er weiter in den Süden. Balkan und so. Balkan klingt immer gut. Klingt nach Sehnsucht und Schnaps und Soundtrack von Shantel.

Ich merke, wie sich meine Laune hebt. Es macht Spaß, mir jemanden wie Jeremy auszudenken. Einen, der nicht bloß ein zweidimensionaler Avatar bleibt, sondern real in 3D hier vom Sessel aufstehen und in die Welt hinausgehen wird. Mit meiner rechten Hand ergreife ich meine linke und schüttle sie. »Hallo Jeremy«, sage ich.

Zweite Frage: Warum spricht er deutsch?

In Glasgow gibt’s sicher eine deutsche Schule. Wenn ich ab und zu englische Wörter einwerfe, nimmt man mir das schon ab. Ist nur die Frage, ob mein Englisch gut genug ist, falls es mal drauf ankommt. Den Akzent krieg ich hin.

Vielleicht bin ich übergeschnappt. Aber ich glaube, es könnte funktionieren.

Ich fühle mich aufgeregt wie ein kleines Kind vor Weihnachten. Ich bin nicht mehr Jakob, der nicht mehr weiterweiß. Ich bin Jeremy. Jeremy der schottische Tourist, der ganz genau weiß, was er will. Jeremy macht das. Der lässt sich nicht unterkriegen.

blueballoon, 28, Programmierer, Motto: to enjoy every day

Klingt doch gut. Ich drücke auf Nachricht an blueballoon senden.

Hey blueballoon,
ich bin Jeremy aus Glasgow und gerade auf meiner ersten Reise nach Wien. Ich bin erst vor kurzem auf IYH gestoßen und habe deshalb leider noch keine Bewertungen oder Freunde. Wenn ich trotzdem eine Nacht (oder ein paar Nächte) in deinem Haus verbringen könnte, wäre das toll! Ich komme morgen Nachmittag an
.

Vielen Dank, Jeremy

Ist das okay so? Nicht zu förmlich? Ich habe keine Ahnung, wie man solche Anfragen schreibt. Soll ich das so abschicken? Wenn es schiefgeht, habe ich zumindest noch einen Tag Zeit, mir was anderes zu überlegen. Andere Leute anzuschreiben. Mal sehen, wie blueballoon auf mein Mail reagiert. Schließlich gibt sein Profil an, dass er Anfragen zu 100% beantwortet und sicher einen Schlafplatz hat. Also ja, abschicken.

Tatsächlich, zwei Stunden später habe ich eine Nachricht von blueballoon in meinem Posteingang.

hallo jeremy,
ich hab grad IYH-gäste, ich muss sie noch fragen, wie lange sie bleiben wollen. wenn sie morgen schon fahren, kannst du gerne kommen! melde mich, sobald ich etwas weiß. andi

blueballoon heißt also Andi.

Den Rest des Tages lümmle ich in der Wohnung herum. Mein Vater arbeitet offensichtlich lange, wenn er denn tatsächlich arbeitet und nicht einfach vor mir geflüchtet ist. Alle zehn Minuten checke ich meine Inbox. Und siehe da, am Abend ist die nächste Nachricht da. Von blueballoon-Andi.

you are very welcome!, steht da. wann wirst du ankommen? soll ich dich vom flughafen oder bahnhof abholen?

Ich bin perplex. Der Typ will gar nicht wissen, wie lange ich vorhabe zu bleiben. Mein eigener Vater will mich so schnell wie möglich loswerden – dieser Typ kennt mich nicht mal und würde mich sogar abholen!?! Und ich muss nichts zahlen, um in seiner Wohnung zu wohnen!

Aber dann wird mir mulmig. Das ist doch nicht normal, wildfremde Leute einfach vom Flughafen abzuholen. Hat der nichts Besseres zu tun?

Vielleicht ist Andi gar kein Programmierer, sondern ein Massenmörder? Vielleicht lockt er unschuldige Menschen in seine Wohnung, um dort grausame Spielchen mit ihnen zu treiben? Vielleicht stapeln sich in seinem Keller die Leichen gutgläubiger Touristen?

Ich gehe noch mal auf blueballoons Profil zurück. 137 Freunde. Mitglied seit 2006. Eine nicht enden wollende Reihe an Bewertungen auf Deutsch und Englisch.

andi ist ein wunderbarer mensch … er hat uns vom bahnhof abgeholt … man muss ihn einfach mögen … er weiß wirklich, worum es bei IYH geht … der tag mit andi war der beste meiner ganzen reise

Okay, wenn die das alle sagen, muss er einigermaßen in Ordnung sein. Ich habe wohl zu viele Gruselfilme gesehen. Wahrscheinlich ist er ein harmloser Typ ohne Freunde, der IYH dazu nutzt, sein Sozialleben aufzupeppen. Außerdem will ich nur dort schlafen. Ich will keine Stadtführung oder sonst ein Drumherum. Ich will eine Matratze, eine Dusche und ein Dach. Das scheint er zu haben.

Aber was soll ich antworten? Wo soll er mich abholen? Schließlich komme ich nirgendwo an, sondern bin bereits hier, und das seit 17 Jahren.

Doch so darf ich gar nicht denken. In IYH gibt es keinen Jakob. Jeremy wird am Sonntag ankommen und alles wird neu sein.

Hey Andi,
danke, das ist super! Ich bin gerade in München und habe eine Mitfahrgelegenheit mit dem Auto nach Wien – da kann ich bis zu dir fahren (oder zumindest in deine Nähe). Wann wir genau ankommen, weiß ich nicht, vermutlich irgendwann am Nachmittag. Kann ich mich einfach melden, wenn wir eine Stunde vor Wien sind?

Bis morgen, Jeremy

Wieder frage ich mich, ob das okay ist so. Ich will nicht unhöflich sein, andererseits will ich auch nicht zu förmlich schreiben. Das könnte steif und spießig wirken und ich bin jetzt ein cooler Traveller. Aber zu flapsig geht auch nicht, schließlich kenne ich den Typen nicht und ich will unbedingt in seine Wohnung.

Doch blueballoon scheint meine Art zu schreiben ganz normal zu finden, denn kurz darauf habe ich die nächste Nachricht.

passt, kein problem. ich wohne in der tannengasse, das ist gleich beim westbahnhof. lass dich einfach dort in der nähe absetzen, ich hol dich dann ab. bis morgen!

Der schreibt mir seine Adresse! Ohne mich zu kennen! Was, wenn ich der Massenmörder bin?

Ich suche mir den Weg zur Tannengasse heraus. Von der Wohnung meines Vaters brauche ich vielleicht eine halbe Stunde dorthin. Ich werde Andi am Sonntag um vier schreiben und mich um fünf beim Westbahnhof abholen lassen.

Mein Vater kommt erst spät abends zurück. Nicht, dass ich da schon schlafe, aber als ich den Schlüssel in der Tür höre, tue ich so. Ich will ihm die Verlegenheit ersparen, mit mir reden zu müssen und es doch nicht zu können. Am nächsten Morgen halte ich die Augen geschlossen, bis er aus dem Haus ist. Wohin auch immer.

Zu Mittag beginne ich, meine Sachen zu packen. Noch habe ich genug frische Wäsche, außerdem gibt es Waschsalons. Vielleicht kann ich auch Andi blueballoons Waschmaschine benutzen. Ich verstaue meine Dinge so gut es geht in meinem Tramperrucksack. Meine Schulsachen verstecke ich im Rückenfach. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass jemand meine Sachen durchsucht, aber trotzdem. Jeremy sollte lieber nicht mit Schulsachen gesehen werden. Jeremy ist schon fertig mit der Schule. Der muss nicht lernen.

Kurz vor vier schreibe ich eine Nachricht:

Ich bin in einer Stunde am Westbahnhof. Wo treffen wir uns?

Nicht viel später kommt eine zurück:

warte bei gleis 8 – bis gleich

Ich reiße einen Zettel aus meinem Notizbuch und lege ihn mit dem Schlüssel auf den Esstisch. Dann bücke ich mich nach einer Plastikente, die auffallend unökologisch aussieht, und stelle sie daneben. Tschüs, schreibe ich diesmal.

Mehr nicht. Gibt auch nicht mehr zu sagen.

Ich drücke die Plastikente, bis sie quietscht. »Tschüs«, sage ich.

Dann gehe ich.

Westbahnhof

Ich bin eine halbe Stunde zu früh am Bahnhof. Kalter Wind weht mir ins Gesicht, als ich über die Plattformen schlendere, aber das macht mir nichts aus.

Andi erkennt mich sofort, was daran liegt, dass außer mir nicht viele junge Männer mit Tramperrucksack auf Gleis 8 herumstehen. »Hey«, sagt er und klopft mir auf die Schulter. »Herzlich willkommen in Wien.«

Ich nicke und grinse. »Hey.«

Andi enjoy-every-day-blueballoon hat ein unheimliches Redebedürfnis. Das ist mir recht, weil ich nicht genau weiß, wie sich Jeremy am unauffälligsten verhalten soll. Wie die Fahrt war, will Andi nur kurz wissen, dann beginnt er bereits, mir die Stadt zu erklären.

»Tickets für die U-Bahn und so kannst du überall kaufen oder per App, am besten du nimmst dir ein … hm, kommt drauf an, wie lange du hierbleibst … wie lang bleibst du?«

Wie lange hat Jeremy vor zu bleiben?

Ich beschließe, mich nicht festzulegen. »Das ist noch nicht sicher«, sage ich. »Ein paar Tage, aber wenn es mir gefällt, vielleicht auch länger. Aber wenn du …«

»Zu mir kommen am Mittwoch neue Leute«, unterbricht mich Andi.

»Bis Mittwoch früh kannst du also auf alle Fälle bleiben.«

»Oh, hey … thanks.« Ich darf nicht auf die englischen Einsprengsel vergessen. Schließlich bin ich Schotte.

»Du bleibst bestimmt länger«, ist Andi überzeugt. »Wirst sehen. Hier gibt es viel zu viel zu sehen, als dass du es in ein paar Tagen unterkriegst. Bei mir war mal ein Typ, der eigentlich nur auf der Durchreise war. Der ist dann sieben Monate geblieben.«

Ich lächle und nicke an den richtigen Stellen und setze einen Schritt vor den anderen. Es fühlt sich gut an. Es ist einfach.

»Wieso sprichst du eigentlich so gut Deutsch?«, will Andi wissen.

Darauf bin ich vorbereitet. »Ich war auf der deutschen Schule.«

»Und dort lernt man das so ohne Akzent?«

Ich nicke. »Ich bin ja schon in die Volksschule dorthin gegangen. Wir hatten fast alle Fächer auf Deutsch.«

Andi nickt anerkennend. »Nicht schlecht. Aber sicher voll schwierig, oder?«

»Wie man es nimmt. Sobald man sich daran gewöhnt hat, geht es eigentlich.« Kurz überlege ich, Jeremy mit einem deutschsprachigen Elternteil auszustatten. Vielleicht ist sein Vater aus Deutschland. Oder seine Mutter aus der Schweiz. Aber das würde bedeuten, dass Jeremy Familie dort hat, und die so schnell aus dem Ärmel zu ziehen, ist mir zu kompliziert.

Anscheinend gehe ich zu zielstrebig in die richtige Richtung, denn Andi sieht mich plötzlich verwundert an. »Sag mal, woher weißt du, wo wir hinmüssen?«, fragt er.

Ich zucke zusammen. Ist da ein misstrauischer Ton in seiner Stimme?

»Ich … habe es mir auf der Mappe angesehen«, stottere ich.

»Auf der Mappe?«

»Hm, on the map … also auf …«

»… dem Plan. Ach so.«

»Jaja, auf dem Plan, danke.«

Andi lacht. »Das passiert öfters, wenn man zweisprachig ist, oder?« Ich nicke, erleichtert, dass mir noch rechtzeitig eingefallen ist, einen Fehler einzubauen. Andi hat keinen Grund, misstrauisch zu sein. Es gibt keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass ich wirklich Jay